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Hier finden Sie Erhaltungskulturen von mehr als 600 Arten in über 3.000 Akzessionen. Zu den 84 fett gedruckten Arten informieren wir ausführlich über Biologie, Kulturansprüche, haltende Gärten/Einrichtungen und Wiederansiedlungen.


Gentiana pneumonanthe

Biologie

ArtGentiana pneumonanthe
VerbreitungEuropa, West-Asien, Portugal bis Sibirien, Balkan bis S-England, S-Skandinavien und Estland, Deutschland liegt im Hauptareal der Art und hat daran einen Anteil von < 10% (floraweb.de2011)
Verbreitungskartekeine Angabe
Höhenverbreitungplanar-collin (Flach- und Hügelland) oder indifferent (floraweb.de 2011)
Natürlicher StandortFeuchtwiesen (Hauptvorkommen), Zwergstrauchheiden und Borstgrasrasen (Hauptvorkommen) (floraweb.de 2011); Magere Feucht- und Wechselfeuchtwiesen, zum Beispiel Pfeifengraswiesen, Niedermoorwiesen, feuchte Borstgrasrasen, Brenndoldenwiesen, Feuchtheiden, Rand von Heideweihern; Sand, Anmoor, Auenlehm (Oberdorfer 1990)
MykorrhizierungArbuskuläre Mykorrhiza + keine Mykorrhizierung (Harley & Harley 1987a, 1987b); Endomykorrhiza, arbuskuläre Mykorrhiza (bayernflora.de 2011)
Beschreibung der Pflanze15-60 cm, Stg ohne grundstdge Blattrosette, Blätter < 1 cm br, eilanzettl. bis schmal lineal, meist 1-nervig, am Rand nach unten gerollt, Blüten zu 1-3 am Stgende u. einzeln blattachselstdg, Krone 3-5 cm lg, glockenfg, mit 5 grünl. Längsstreifen, Kelchzipfel etwa so lg wie die Kelchröhre (floraweb.de 2011); krautig ausdauernd (Staude), 15 – 40 (60) cm hoch, mit kurzem Rhizom, Stängel aufrecht, ohne grundständige sterile Blattrosetten, mit meist einer, selten mehreren endständigen, manchmal auch achselständigen Blüten, 1-40 Triebe (Wutischky 2003)
LebensformHemikryptophyt, sommergrün (floraweb.de 2011); überwinternd grün (biolflor.de 2011)
Lebensdauerausdauernd (plurienn-pollakanth) (biolflor.de 2011); über 30 Jahre (Wutischky 2003)
SamenbankTransient (leda-traitbase.org 2011)
BlütezeitJuli-September (biolflor.de 2011); Mitte Juli bis Oktober (Wutischky 2003)
Bestäubung durchInsekten (floraweb.de 2011); Hummeln, selbst, auch Bienen (bayernflora.de 2011)
KompatibilitätSelbstkompatibel (biolflor.de 2011)
Blütenbiologiesynözisch, hermaphroditisch (biolflor.de 2011); protandrisch, hermaphroditisch, Nektarblüte (bayernflora.de 2011); es gibt Angaben über zu geringen Blütenbesuch wegen genereller Blütenarmut der Lebensräume (Niederlande, Petanidou et al. 1995), was aber für Brandenburg nicht zutrifft (Wutischky 2003)
Ploidiediploid, 2n=26 (biolflor.de 2011)
FruchtKapsel (floraweb.de 2011); Kapsel mit zahlreichen Samen (bayernflora.de 2011); bis zu 1300 fertile Samen pro Kapsel (Hoth 2002)
SamenreifeSeptember-Oktober (BioPop, zit. nach bayernflora.de 2012)
Samengröße1,5 mm (biolflor.de 2011); sehr klein, 1,5 mm lang (Hegi 1975)
Samengewicht0,32 mg (Krenova & Leps 1996); 0,044 mg (Simmonds 1946); 0,05-0,06 mg (Oostermeijer et al. 1992)
Samenmorphologienicht heteromorph (biolflor.de 2011); spindelförmig, ungeflügelt (Sebald et al.); spindelförmig, netzaderig, geschwänzt (Hegi 1975)
SamenausbreitungWind (Oostermeijer et al. 1994a); Samen nicht flugfähig (Wutischky 2003); Ausbreitung durch Herbstmahd weiter als ohne (Wutischky 2003)
Reproduktiongenerativ und vegetativ (biolflor.de 2011); nur generativ (Wutischky 2003)
Gefährdungzentral-europaweit gefährdet (floraweb.de 2011); In allen Teilen Deutschlands starker bis sehr starker Rückgang in den vergangenen Jahrzehnten (Korneck et al. 1996)
Rote Liste Deutschland3+ (gefährdet) (floraweb.de 2011); in allen Bundesländern stark gefährdet (2) oder vom Aussterben bedroht (1), bundesweiter Status daher besser zu korrigieren nach 2 „stark gefährdet“ (BG Potsdam: M. Burkart)
GefährdungsursachenEutrophierung von Böden durch Düngereintrag, Betreten und Befahren, Intensive Beweidung von Frisch- und Feuchtwiesen, Eutrophierung von Böden durch Immissionen (floraweb.de 2011); Verbuschung, Gehölzaufkommen, Nährstoffeintrag, Veränderung des Hydroregimes, Besucherdruck (Buder & Schulz 2010)
Pflegemaßnahmeneinschürige Mahd im Spätherbst mit Beräumung des Mähguts, keine Düngung, Sicherung und Verbesserung des gebietstypischen Wasserhaushalts, Entfernung von Gehölzen nach Bedarf (Buder & Schulz 2010)
Schutzstatusbesonders geschützt (floraweb.de 2011)
VerantwortlichkeitDeutschland hat geringe Verantwortlichkeit (Welk 2002, floraweb.de 2011)
SonstigesDer Kleine Moor-Bläuling (Maculinea alcon) legt seine Eier ausschließlich auf Gentiana pneumonanthe und G. asclepiadea (Schwalbenwurz-Enzian) ab, die jungen Larven fressen Blattgewebe und Samenanlagen, bevor sie nach der ersten Häutung von Ameisen der Gattung Myrmica ins Nest getragen und dort wie Ameisenlarven aufgezogen werden (Wutischky 2003); es besteht die Vermutung der Existenz unterschiedlicher Ökotypen auf sehr basenarmen und basenreicheren Standorten (Wutischky 2003; Uni Potsdam: M. Ristow); es gibt eine Einteilung in 6 Stadien im Lebenszyklus, darunter auch ein dormantes Stadium (Oostermeijer et al. 1994a); Blume des Jahres 1980 (die erste von allen); Überwinterung mit Überwinterungsknospe (bei Jungpflanzen), im Sommer gebildete Überwinterungssprosse (bei adulten Pflanzen) (Wutischky 2003); Ausbreitungsdistanz 1,50 m (Oostermeijer et al. 1992)

 

Kulturansprüche

Art Gentiana pneumonanthe
Kultur aufwändig
Wasserbedarf hoch (BG Potsdam: E. v. d. Mülbe); feuchter Boden (A. Ziemer: A. Ziemer); feucht (Jelitto 1990); gern am Rand von Gartenteichen (Bailey 1947)
Nässeempfindlichkeit verträgt kurzzeitige Überstauung (A. Ziemer: A. Ziemer); gering (BG Potsdam: E. v. d. Mülbe); dauerfeucht, aber nicht überflutet (Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau 2011); wächst in Brandenburg oft an winterlich überfluteten, dauer- oder wechselfeuchten Standorten (Wutischky 2003)
Dürreempfindlichkeit Trockenperioden sind zu vermeiden, kurzes Austrocknen ist möglich, außerhalb eines Moorbeets ist die kontinuierliche Wasserversorgung sicher zu stellen (A. Ziemer: A. Ziemer); sehr hoch (BG Potsdam: E. v. d. Mülbe); bei Keimlingen und Jungpflanzen hoch (Conrad 2008)
pH-Spezifik auf bodensauren Standorten (SMUL 2010); kalkfrei, im Kalk verzögerte Entwicklung (A. Ziemer: A. Ziemer); kein Kalk (BG Potsdam: E. v. d. Mülbe); kalkfliehend (Jelitto 1990), Bailey 1947)
Substratspezifik reiner Torf, Torf-Sand-Gemisch (A. Ziemer: A. Ziemer); mineralischer Kompost (BG Potsdam: E. v. d. Mülbe); Optimum im Torf-Kies-Gemisch, humos, bevorzugt Sand (Bailey 1947); gedeiht auf sandigen torfigen, mäßig sauren bis neutralen Böden (leda-traitbase.org 2012)
Nährstoffbedarf Dünger wird nicht verwendet (A. Ziemer: A. Ziemer); normal (BG Potsdam: E. v. d. Mülbe)
Nährstoffempfindlichkeitin der Natur nur an sehr stickstoffarmen Standorten (biolflor.de 2012); bei Düngung erfolgt in der Natur Konkurrenzverdrängung (BG Potsdam: M. Burkart)
Temperaturansprüche durchmischt (BG Potsdam 2012: v. d. Mülbe)
Lichtbedarf volle Sonne (A. Ziemer: A. Ziemer); sehr hoch (BG Potsdam: E. v. d. Mülbe); Volllichtpflanze (biolflor.de 2012); sonnig bis halbschattig (Jelitto 1990)
Schädlingsprobleme Schnecken (BG Potsdam: E. v. d. Mülbe)
Vermehrung durch Aussaat (Jelitto 1990, Bailey 1947); Teilung (Bailey 1947); nur Samen (Wutischky 2003, BG Potsdam: E. v. d. Mülbe, A. Ziemer: A. Ziemer)
Keimungsansprüche Samen zeigen physiologische Dormanz, optimale Keimungstemperatur 20/10°C (Thompson 1969, zit. nach Baskin & Baskin 1998); Vorkeimen im Wasserglas ersetzt Kältephase (A. Ziemer: A. Ziemer); Kaltkeimer, Lichtkeimer (BG Potsdam: E. v. d. Mülbe); gleichmäßig feucht, in der Natur von kleinräumiger Störung und zureichender Bodenfeuchte abhängig, Konkurrenz wirkt hemmend (Conrad 2008); Frühjahrskeimung nach Frosteinwirkung (Wutischky 2003)
Keimungszeit jederzeit möglich nach Vorkeimen im Wasserglas (A: Ziemer: A. Ziemer); 4-6 Wochen (BG Potsdam: E. v. d. Mülbe); Mai/Juni (Simmonds 1946); März bis Mai (Patzelt et al. 2001)
Hybridisiert mit evtl. anderen Arten aus der Sektion Pneumonanthe, die aber selten in Gartenkultur sind (BG Potsdam: M. Burkart)
Kritische Lebensphasen 1,5 Jahre ab Keimung (A. Ziemer: A. Ziemer); Keimling, Jungpflanze (Conrad 2008); in der Natur hohe Jugendmortalität (3-6 Jahre lang) (Wutischky 2003)
Sonstiges Am besten im feuchten Moorbeet (Jelitto 1990); Verlangt kühlen, saugfähigen Boden, gedeiht bemerkenswert gut am Rand von Teichen oder Bächen (Bailey 1947); optimales Wachstum im lockeren Substrat, Kultivierung im Moorbeet empfohlen (A. Ziemer: A. Ziemer)

 

Haltende Gärten / Einrichtungen

Andreas Ziemer
IPEN Level Zugang Herkunft Wiederans. Web
k.A. 2 2006 Brandenburg, Havelland am Herkunftsort
k.A. 1 2010 Brandenburg, Havelland

 

Botanischer Garten der Universität Erlangen
IPEN Level Zugang Herkunft Wiederans. Web
DE-0-ER-2012-12744 2 2008 Bayern, Allersberg in Vorbereitung (Landschaftspark Schloss Dennenlohe)

 

Botanischer Garten des Karlsruher Instituts für Technologie
IPEN Level Zugang Herkunft Wiederans. Web
DE-0-UNKAR-2012-2235 1 2004 Rheinland-Pfalz, Speyer

 

Botanischer Garten der Johannes Gutenberg Universität Mainz
IPEN Level Zugang Herkunft Wiederans. Web
DE-0-MJG-201007901 1 2010 Rheinland-Pfalz, Lorenzwiese bei Guntersblum am Rhein

 

Botanischer Garten der Universität Rostock
IPEN Level Zugang Herkunft Wiederans. Web
DE-0-ROST-2011-W-5120 2 2011 Mecklenburg-Vorpommern, Einhuser Wisch
DE-0-ROST-2011-W-5121 2 2011 Mecklenburg-Vorpommern, Hüttelmoor bei Rostock

 

Stadtgärtnerei Straubing
IPEN Level Zugang Herkunft Wiederans. Web
k.A. 1 k.A. Bayern, Isarmündung Bayern, Isarmündung

 

Restitutions Ökologie Brauner
IPEN Level Zugang Herkunft Wiederans. Web
k.A. 1 1996 Rheinland-Pfalz, Guntersblum am Rhein
Bemerkung: Material des Botanischen Garten Mainz aus dieser Kultur unter IPEN DE-0-MJG-201007901

 

 

Wiederansiedlung

In Berlin wurden zur Stärkung der letzten Reliktpopulation bei Spandau 1990 an zwei Stellen 66 Jungpflanzen ausgebracht. Ein anfänglicher Pilzbefall (Fusarium solanii) alle Pflanzen bis auf sechs um; diese blühten 1991, waren bereits 1992 aber nicht mehr auffindbar. 1992 wurde eine Ersatzansiedlung im NSG „Kalktuffgelände“ mit 145 Jungpflanzen versucht, der ebenfalls schnell fehlschlug. Als Ursachen werden Wildverbiss, Tritt und Sommermahd angesehen. Alle Pflanzen stammten aus Erhaltungskulturen des BGBM Berlin (Bunde 2008). Im Land Brandenburg wurden 2011 Wiederansiedlungen auf einem Standort im Havelland mit regionalem Material durchgeführt. Flächengröße ca. 1 ha, magerer Bereich mit Lungenenzian und Orchideen (Dactylorhiza majalis) über 5.000 m²; bis 2006 wurde eine Mahd pro Jahr durchgeführt, zu diesem Zeitpunkt dominierten bereits die Hochstauden; vom Enzian waren 2006 ca. 350 Sprossachsen mit Blüten (ca . 100 Pflanzen) vorhanden, 2006 wurde Samen entnommen und die Erhaltungskultur begonnen; seit 2007 blühen nur noch wenige Altpflanzen; 2011 wurden 26 mehrjährige zuzüglich einjährige Pflanzen aus der Erhaltungskultur gepflanzt; 2012 wurden 17 Pflanzen aus der Erhaltungskultur gepflanzt; bis Mai 2012 sehr gutes Wachstum, ab Juni starker Verbiss durch Nacktschnecken; bis August 2012 waren nur 5 blühende Pflanzen aus der Anpflanzung vorhanden; seit 2007 werden Teilbereiche bis zu 3x im Jahr gemäht, Mahdbeginn ist dabei Anfang Mai, im Ergebnis konnten die Hochstauden zurück gedrängt werden, der Orchideenbestand erhöhte sich von ca. 150 (Anfang 2000) auf 1280 blühende Exemplare in 2012 (A. Ziemer). In Sachsen wurden im BG Dresden aus Wildsamen gezogene Pflanzen im Raum Moritzburg, woher das Material stammte, auf geeigneten Wiesen ausgepflanzt. Die Pflanzen wurden anschließend durch Trockenperioden, aufkommendes Pappelgehölz, wühlendes Schwarzwild und Vandalismus dezimiert, so dass nur einzelne überlebten, „wie es für Selektionsprozesse unter natürlichen Verhältnissen typisch ist“ (Ditsch & Ditsch 2006). In Bayern wurde mit durch die Stadtgärtnerei Straubing vermehrtem autochthonem Material eine Wiederansiedlungsmaßnahme im Bereich der Isarmündung durchgeführt (Büro für angewandte Botanik: M. Scheuerer). Eine Wiederansiedlung ist vorgesehen im Landschaftspark Schloss Dennenlohe (Bayern) aus Material des BG Erlangen (BG Erlangen: W. Welß).